Ursula Niesert
Dr. Ursula Niesert (50) hat 1982 angefangen Esperanto zu lernen.
Heute arbeitet sie in der Geschäftsstelle des Deutschen Esperanto-Bundes.

Diese Kolumne erschien in der Stuttgarter Zeitung, Modernes Leben, 12.6.1999.

 

EINE FRAGE NOCH ...

Frau Niesert, warum sprechen Sie eigentlich Esperanto?

Es hatte alles ganz harmlos angefangen: durch Zufall war ich an ein Lehrbuch für Esperanto gekommen, mit seinen knapp 100 Seiten eigentlich eher ein Heft, und ich wollte mir nur rasch einen Überblick verschaffen, ob denn so eine "künstliche" Sprache wirklich ernst zu nehmen ist, ob sie wirklich funktioniert. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß ich mich auch nach 16 Jahren noch mit dieser Sprache beschäftige und ihr immer wieder neue Facetten abgewinnen kann, hätte ich nur gelacht. 

Da ich niemanden kannte, der Esperanto sprach, war ich ganz auf mich allein gestellt. Was mich zunächst überrascht hat, war, daß so ein Selbststudium bei Esperanto klappt. (Als ich mich später ohne Lehrer an Türkisch wagte, bin ich sehr schnell an meine Grenzen gestoßen.) 

Ich lernte also ganz brav vor mich hin: Esperanto kommt mit sehr viel weniger Regeln aus als andere Sprachen und die leidigen unregelmäßigen Verben bleiben einem völlig erspart. Aber ganz ohne Lernen gehts dann eben doch nicht.

Richtig spannend wurde es, als ich das Wortbausystem entdeckte: aus einem begrenzten Satz von Wortbildungssilben (ähnlich wie im Deutschen "un-", "-ling", "-zeug", "-chen", "-bar" ...) läßt sich eine Vielfalt von Worten kombinieren, Ich erinnere mich noch lebhaft, wie stolz ich war auf mein erstes "selbstgemachtes" Wort, - das war nach der dritten Lektion, beim Tagebuchschreiben. Und noch heute ist es mir eine reizvolle Herausforderung, wenn ich ein Wort NICHT im Wörterbuch finden kann ...

Mit dem Hochgefühl, daß Esperanto tatsächlich allein erlernbar ist, kam allerdings auch der Frust: ich wähnte mich als der einzige Mensch auf der Welt, der Esperanto sprach (bzw. las und schrieb). Das konnte es doch nicht gewesen sein! Gab es nicht noch andere? Wie konnte ich sie erreichen?

Schließlich stieß ich auf den Deutschen Esperanto-Bund, fand dann sogar heraus, daß es ganz in meiner Nähe Esperanto-Sprecher gab. Doch gleich das Muffensausen: würden sie verstehen, was ich nur aus dem Buch gelernt hatte?

Ein glücklicher Zufall kam mir zu Hilfe: Der jährliche Esperanto-Kongreß war gar nicht weit weg (1983 in Bad Säckingen), dort wollte ich "als Mäuschen" dabei sein. Und wieder erlebte ich eine Überraschung, ein "Pfingstwunder": ich verstand und wurde verstanden - ich konnte mich in der neuen Sprache einen ganzen Abend über Gott und die Welt unterhalten, bestimmt nicht fehlerfrei, bestimmt nicht ganz flüssig und elegant, aber immerhin. Ein Erfolgserlebnis nach nur einem Vierteljahr Lernen, das ich in neun Jahren Fremdsprachenunterricht in der Schule nicht gehabt habe.

Das alles ist jetzt 16 Jahre her. Seither habe ich eine ganze Welt entdeckt, die - von der Außenwelt unbemerkt - täglich bunter wird: die Literatur (40 000 Titel sollen es sein), Zeitschriften, Radio, Internet ("AltaVista found 1,674,230 Web pages for you."), ... und vor allem Begegnungen. Begegnungen bei Treffen und Kongressen, aber auch per Brief (heute meist per Email - dies Medium ist wie für Esperanto geschaffen - ein Brief an Tereza in Belgrad, Zheng Ming in China, Ednilza in Brasilien oder Yao in Ghana kostet praktisch nichts mehr, ist gleich da - und kommt sicher an). Und durchweg sind es interessante Menschen, die sich von Esperanto angezogen fühlen. Das vor allem ist die Garantie, daß Esperanto mich noch einige Jahre fesseln wird.


bei Interschul Ein Interview (Stuttgart, März 1999) mit Ursula Niesert findet sich unter
TV1 internet television in der Rubrik Messen: Interschul/Didacta 99