Dernières Nouvelles d'Alsace (zweisprachige Ausgabe), 29. 10.1999

Deutschlands größte Esperanto-Bibliothek

. . . Das Loblied geht den Freunden der Sprache Esperanto leicht von der Zunge: "Sie ist so musikalisch wie Italienisch, so ausdrucksstark wie Deutsch, so flexibel wie Englisch und noch logischer als Latein!"

Doch der Alltag der engagierten Esperantisten ist eher mühsam. So auch für den Aalener Apotheker Karl Heinz Schaeffer, der in Baden-Württemberg die mit 21.000 Büchern, Zeitschriften und Broschüren größte Esperanto-Bibliothek in Deutschland betreut.

11.000 Bände

Etwa 25 aktive Mitglieder hat die Esperanto-Gruppe in Aalen auf der Schwäbischen Alb. Vier von ihnen sind mit Apotheker Schaeffer an der Spitze dabei, das Angebot nun auch im Internet zu präsentieren. "Rund 11.000 Bände sind schon in unserer EDV und auch im Internet", berichtet der engagierte Esperantist. Mit seinen Freunden bearbeitet er sich in Kartons stapelnde Bücher, die in der 1887 von dem polnischen Augenart Ludwig Zamenhof entwickelten Sprache geschrieben sind.

Katalogisiert wurden die Bücher von Adolf Burkhardt aus Weilheim an der Teck. Der Pfarrer hatte bereits vor Jahrzehnten mit einem Grundstock von 1200 Bänden begonnen, die heutige Bibliothek aufzubauen und auf 11.000 Bände zu erweitern. "Eine unglaubliche Arbeit und alles ganz allein", lobt Schaeffer seinen Esperanto-Freund, der immer neue Spender von Esperanto-Literatur fand.

Seit 1989 pensioniert, kümmert sich Burkhardt heute ausschließlich um die Katalogisierung der nach London und Rotterdam weltweit drittgrößten Esperanto-Bibliothek.

Untergebracht ist sie im zweiten Stock des Torhauses in Aalen, gleichsam als Untermieter der Stadtbibliothek. Anders als in der öffentlichen Bücherei sind die Druckwerke in Esperanto nicht frei zugänglich. 324-mal wurden im vergangenen Jahr Bücher verliehen. Davon 220 in Fernleihe, die die Stadtbibliothek für uns erledigt" berichtet Karl Heinz Schaeffer. "Der Rest fand vor Ort Interessierte."

Ein Fremder kommt nur in Begleitung in den fensterlosen Raum, wo auf 50 Quadratmetern auch echte Esperanto-Schätze wie Unikate zu finden sind. Über die Bibliothek selbst gibt es auch eine Diplomarbeit, weiß Schaeffer zu berichten. "Sogar der Chefredakteur einer bedeutenden chinesischen Zeitschrift in Esperanto wurde bei uns fündig." In den Regalen entdeckte er eine Erstausgaben von seiner "Revuo", nach der er im Reich der Mitte vergeblich gesucht hatte. Und gerade die Chinesen lieben Esperanto, betont der Apotheker, "weil es grammatikalisch so klar ist".

Das Leben als Esperantist ist abwechslungsreich. "Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht was mit Esperanto zu tun habe", erzählt Schaeffer. Abgesehen davon, dass er sich mit den Aalener Freunden natürlich in Esperanto unterhält, bekommt er E-Mails aus der ganzen Welt, die es zu beantworten gilt. Immerhin gibt es weltweit mehrere Millionen Menschen, die Esperanto beherrschen. Und er schmunzelt: "Bei unseren Weltkonferenzen brauchen wir keine Dolmetscher."

Faust wird Fausto

Der Lesestoff in der Aalener Esperanto-Bibliothek beschränkt sich nicht auf Literatur und Informationen, die ursprünglich in Esperanto geschrieben wurden. Auch übersetzte Werke der Weltliteratur gubt es dort. Goethes "Faust" ist unter "Fausto" ebenso zu finden wie Brechts "Dreigroschenroman" unter "Trigrosha romano" oder die Bibel. Sogar Asterix kann Esperanto und artikuliert fließend: "Ili frenezas, tiuj romianoj!" oder verständlicher: "Die spinnen, die Römer!"