Geschichtliches zu Esperanto

Ludwig Lazarus Zamenhof

Am 15. Dezember 1859 wurde Ludwig Lazarus Zamenhof als Sohn eines Linguisten in Bialystok geboren.

In Bialystok lebten damals Polen, Deutsche, Juden und Russen nicht gerade friedlich nebeneinander her.

Der empfindsame junge Ludwig glaubte, sie könnten friedlich miteinander leben, wenn sie sich ohne weiteres verständigen könnten und dachte zunächst an Latein oder Griechisch als gemeinsame Verständigungssprache, verwarf derartige Gedanken aber bald wieder, da diese Sprachen für normalbegabte Menschen viel zu kompliziert erschienen.

Verwundert über die Einfachheit der englischen Grammatik, machte er sich daran eine eigene Lingwe Universala zusammenzustellen. Zu dieser Zeit war er gerade Gymnasiast und konnte seine Klassenkameraden mit seiner Geheimsprache begeistern.

Als jedoch sein Vater die Aufzeichnungen entdeckte, verbrannte er sie und nahm seinem Sohn das Versprechen ab, sich bis zum Ende seines Studiums nicht mehr mit solchen Spielereien zu beschäftigen, er solle sich nicht in solche Chimären versteigen, stattdessen seine Zeit nutzen, etwas sinnvolles zu studieren.

Ludwig studierte also in Moskau und Warschau Medizin, seine Klassenkameraden beschäftigten sich bald nicht mehr mit Geheimsprachen. Der junge Medizinstudent jedoch konnte von seiner Idee nicht ablassen.

Die Bücherverbrennung war insofern unwirksam, da er ja alles im Kopf hatte, doch bemerkte er bei ersten Versuchen in der selbstgebastelten Sprache zu schreiben und dichten, dass vieles sich widersprach, einiges zu kompliziert, anderes nutzloser Balast war.

Er feilte an seiner Sprache noch lange herum, beendete inzwischen sein Medizinstudium, stellte nach vier Monaten fest, dass er für den Medizinerberuf etwas zart besaitet war und versprach sich außerdem ein besseres Auskommen, wenn er eine Spezialisierung als Augenarzt anstrebte.

So studierte er also noch zwei Jahre in Warschau und Wien.

Unterdessen lernte er Klara Silbernik kennen, die ihren Vater beschwatzen konnte, ihre Mitgift schon einen Monat vor der Hochzeit rauszurücken, um die Herausgabe eines viersprachigen Büchleins über die Internacia Lingvo zu ermöglichen.

Und so hat also im Juli 1887 Esperanto das Licht der Öffentlichkeit erblickt, denn so wurde die Sprache nach dem Pseudonym ihres Verfassers Doktor Esperanto benannt.

 

Damals hatten die Menschen noch gute Augen. Deshalb musste Ludwig Zamenhof mit seiner Familie mehrmals umziehen, mit dem Erfolg, dass seine Schulden nur noch mehr wuchsen.

Sämtliche Zeit, die er erübrigen konnte widmete er seiner Sprache, er übersetzte mehrere klassische Werke, wie das Alte Testament, Hamlet, Märchen von Hans Christian Andersen usw.

Außerdem war er in steigendem Maße beschäftigt Anfragen zu beantworten und Artikel zu schreiben.

Als 1905 der erste Esperanto-Kongreß in Frankreich stattfand, wo erstmals Esperanto in größerem Rahmen von Menschen aus vielen verschiedenen Staaten gesprochen wurde, war das für ihn wohl die Erfüllung eines Traumes.

1914 musste er, unterwegs zum 10. Esperantokongreß in Paris, auf halbem Wege umkehren und über die nördlichen Länder mit großem Umweg heimreisen - der erste Weltkrieg war ausgebrochen.

Dessen Ende sollte der herzkranke und überarbeitete Zamenhof nicht mehr erleben.

Er starb am 14 April 1917.

Die Esperanto-Bewegung

Die anfänglichen Erfolge übertrafen die Erwartungen Zamenhofs. Er bat in seinem ersten Buch die Leser, zu versprechen, Esperanto zu erlernen, wenn 10 Millionen dieses Versprechen abgegeben hätten.

Dieses Versprechen erhielt er von so gut wie niemandem, viele jedoch lernten die neue Sprache und füllten Zamenhofs Briefkasten mit Ratschlägen, Verbesserungs- und Änderungsvorschlägen.

Dabei waren diese Vorschläge durchaus widersprüchlich. Dem einen gefiel, was dem anderen überhaupt nicht paßte.

Um sich aus der Affäre zu ziehen, erklärte sich Zamenhof zum Initiator der Sprache, er sähe sich jedoch nicht als Schöpfer, also hätte er auch keine Befugnis Änderungen vorzunehmen.

Eine sprachliche Akademie solle sich mit einer endgültigen Ausarbeitung der Sprache befassen.

Was Zamenhof noch nicht wissen konnte: Das spätere Esperanto-Verbesserungs-Projekt Ido scheiterte vor allem deshalb, weil es ständigen Verbesserungen unterworfen wurde, so dass am Ende keiner mehr wusste, was zur Zeit gerade gültig und richtig war.

 
Im Erscheinungsjahr des Esperanto beschäftigte sich ein zu diesem Zweck ernanntes Komitee der Amerikanischen Philosophischen Gesellschaft in Philadelphia mit Volapük - einem bereits zehn Jahre alten Sprachprojekt von Johann Martin Schleyer.

Es stellte fest, dass Volapük nicht der Weisheit letzter Schluß sein könne und erarbeitete Prinzipien, die eine internationale Sprache befolgen müsste.

Als dieses Komitee dann die Broschüre über Esperanto in die Hände bekam, stellte es fest, dass diese Sprache seine soeben aufgestellten Prinzipien erfüllte, und erklärte sich bereit, die von Zamenhof angedachten Aufgaben einer endgültigen Ausarbeitung von Esperanto mittels einer Umfrageaktion in die Hand zu nehmen.

Auf die Umfrage antwortete so gut wie niemand, was Esperanto abermals vor irgendwelchen Änderungen bewahrte.

 
Der Volapükklub in Nürnberg unter Leitung von Leopold Einstein wechselte 1888 zum Esperanto über.

Das war ein wichtiger Gewinn, da er dem Esperanto durch Einsteins eifrige Propaganda nicht nur viele deutsche Mitglieder bescherte, in Nürnberg erscheint auch ein Jahr später die erste Nummer der Monatszeitschrift "Esperantisto" mit anfangs 113 Abonnenten.
Ein Jahr später muss Zamenhof die Redaktion übernehmen. Die Zeitung entwickelt sich zu einem Bindeglied zwischen den Esperantisten.

1895 gerät die Herausgabe der Zeitung in finanzielle Schwierigkeiten, weil in ihr ein Artikel des russischen Autors Lev Tolstoi erschienen war, und die russische Zensur infolgedessen die Zeitung in Russland verbot. Die meisten der Abonennten waren zu dieser Zeit Russen.

Ein halbes Jahr später muss die Herausgabe eingestellt werden.

Tolstoi schreibt in seinem Artikel unter anderem: "... die Opfer, die jeder Mensch in unserer europäischen Welt erbringen muss, indem er etwas Zeit dem Lernen von Esperanto widmet, sind so gering, und die Ergebnisse, die daraus erwachsen können, wenn alle diese Sprache erlernen, sind so bedeutend, dass man diesen Versuch nicht nicht machen kann..."

Inzwischen sind viele Grammatiken und Wörterbücher für die verschiedensten Sprachen erschienen, originale und übersetzte Literatur.

1894 verarbeitet Zamenhof gesammelte Änderungsvorschläge zu einer neuen Fassung seiner Sprache und läßt die Abonnenten des "Esperantisto" darüber abstimmen.

Man hat sich aber inzwischen so an die Sprache gewöhnt, dass die überwiegende Mehrheit gegen jegliche Änderung im grammatischen Gefüge des Esperanto stimmt.

1895 erscheint als Fortsetzung des "Esperantisto" die Zeitung "Lingvo Internacia". Sie wird bis zum ersten Weltkrieg herausgegeben, anfänglich in Schweden, später in Paris.

In Frankreich macht sich ein Herr Beaufront um die Esperanto-Bewegung sehr verdient. Im Zusammenhang mit den Änderungswünschen schreibt er: "Verkrüppelung und ständige Änderung würde jeder Propaganda nur sehr hinderlich sein."

 
Der erste Esperanto-Weltkongreß findet 1905 in Frankreich statt. Es nehmen 700 Esperantosprecher teil.

Man erarbeitet eine Deklaration mit folgendem Inhalt:

§1 Der Esperantismus ist das Streben den Gebrauch von Esperanto in der ganzen Welt zu verbreiten. Dabei ist es nicht Ziel, die existierenden nationalen Sprachen zu verdrängen, sondern Esperanto soll ausschließlich für die Verständigung zwischen Menschen mit verschiedener Muttersprache dienen. Jede andere Vorstellung eines Esperantisten ist seine Privatangelegenheit.

§2 Eine internationale Sprache kann nur eine künstlich erschaffene sein und als perfekteste und in jeder Hinsicht tauglichste solche Sprache hat sich Esperanto erwiesen.

§3 Der Autor der Sprache verzichtet auf alle persönlichen Rechte bezüglich der Sprache und übergibt sie der ganzen Welt.

§4 Esperanto hat keinen Gesetzgeber und die Meinung seines Autors hat absolut privaten Charakter. Einzige Grundlage für immer und alle ist das Büchlein "Fundamento de Esperanto". [Es enhält die Vorrede zum ersten Buch, die Grammatik bestehend aus 16 Regeln, eine Wortliste und Übungen]

§5 Esperantist wird jede Person genannt, die die Sprache Esperanto kennt und gebraucht, egal für welchen Zweck. Zugehörigkeit zu irgendeiner aktiven esperantistischen Gesellschaft ist empfehlenswert aber nicht Pflicht.

 

1907 soll ein Komitee entscheiden, welches Sprachsystem für die internationale Kommunikation am besten sei. Die Autoren von Spokil, Lingvo Blua, Parla verteidigen ihre Projekte selbst.

Zwei Verteidiger von Esperanto präsentieren einen Bericht, nachdem Esperanto zwar die einzige Sprache sei, die auf schnelle Verbreitung hoffen könne, doch man müsse sie dazu perfektionieren, dazu müssten einige Endungen sowie der Plural geändert werden, der Akkussativ entfallen usf.

Am, nächsten Tag stellen sie das Esperanto-Verbesserungs-Projekt Ido vor, das eben jene vorgenannten Änderungen enthält. Quintessenz der Verbesserungen ist eine Annäherung an das Latein zu Lasten der Regelmäßigkeit und grammatikalischen Einfachheit.

Beaufront war von Zamenhof gebeten worden Esperanto zu verteidigen, stattdessen verteidigte er das Reformprojekt Ido, und gab später zu, zu den Autoren von Ido zu gehören. Verwunderlich erscheint, dass Beaufront vorher gegen jegliche Änderungen in Esperanto eintrat, da solche ihrer Verbreitung hinderlich wären.

Unter seiner und Couturat's Leitung wurden viele Lehrbücher, ein großes Wörterbuch und die Zeitschrift Progreso (dt: Fortschritt) für Ido herausgegeben. In dieser Zeitschrift werden alljährlich neue Änderungen vorgestellt

Die Folge war Unsicherheit unter den Ido-Anhängern im Gebrauch der Sprache. Die Zahl der Idisten schwindet.

Einer von ihnen, Otto Jespersen, erfindet eine eigene Sprache - Novial.

Heutzutage liegt die Zahl der Idosprecher unter 100, die Zeitschrift Progreso erscheint noch.

 

Bis zum ersten Weltkrieg finden jedes Jahr Esperantokongresse mit zw. 1000 und 2000 Teilnehmern statt. Der 10. in Paris kann wegen des Ausbruchs des 1. WK nicht verwirklicht werden.

In der neutralen Schweiz übernimmt Hector Hodler die Organisation des Weltesperantobundes. Er organisiert einen Dienst, der Briefe zwischen Familien vermittelt, die durch den Krieg getrennt wurden. Direkter Versand zwischen den Kriegsparteien war damals unmöglich. Es müssen täglich zwischen 200 und 300 Briefen vermittelt werden.

Nach dem Krieg beschließt die revolutionäre Führung der Sowjetunion, die Verwendung von Esperanto zu empfehlen und die Sprache zu unterrichten.

Einen ähnlich günstigen Beschluß faßt 1921 die Konferenz des Roten Kreuzes.

Hitler und Stalin verbieten Esperanto in ihrem Einflussbereich.

Während sich in Westdeutschland die Esperanto-Bewegung in den fünfziger Jahren neu formiert wird die Sprache im sozialistischen Ostblock erst in den sechziger Jahren nach und nach wieder erlaubt. In Albanien und Rumänien sogar erst Ende der achziger Jahre.

Esperanto heute

Inzwischen hat sich die Esperanto-Bewegung über alle fünf Kontinente verbreitet.

Es finden alljährlich hunderte von kleineren und größeren internationalen Treffen statt, deren Verständigungssprache Esperanto ist. Es gibt Übersetzungen von Bibel bis Winnie der Puh in Esperanto. Daneben eine Menge Originalwerke zwischen Krimi und Poesie. Theater- und Musikgruppen treten alljährlich auf größeren Veranstaltungen auf mit Klassik und Rock, Hamlet, Ibsen und abstraktem Theater.

Der "Pasporta Servo" verzeichnet die Adressen von über 900 Gastgebern in mehr als 50 Ländern der Erde, die kostenlose Übernachtung für junge Esperantosprecher anbieten.

Radiosendungen informieren auf Esperanto über die verschiedensten Neuigkeiten.

 

Kurz: Esperanto ist heute zwar nicht die Weltsprache - jedoch eine lebendige und wirklich internationale Sprache.




Esperanto-Jugend Sachsen
Esperanto-Junularo de saksujo